Die Inflation sinkt, aber die Preise steigen weiter – ein scheinbares Paradoxon, das viele Verbraucher verwirrt. Während die Verbraucherpreise im Dezember 2023 mit 5,6 Prozent deutlich unter dem Vorjahreswert lagen, fühlen sich die Einkäufe im Supermarkt nicht wirklich günstiger an. Wie passt das zusammen?
Was ist eigentlich Inflation?
Zunächst einmal müssen wir klären, was Inflation eigentlich bedeutet. Inflation ist definiert als der Anstieg des allgemeinen PreisniveausVerbraucherpreisindex (VPI) über einen bestimmten Zeitraum. Die Inflationsrate gibt an, um wie viel Prozent die Preise im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen sind.
Entscheidend ist hierbei das Wort “Rate”. Wenn wir sagen, die Inflation sinkt, meinen wir, dass das Tempo der Preissteigerungen nachlässt – nicht dass die Preise selbst fallen. Eine sinkende Inflationsrate von 10% auf 5% bedeutet, dass die Preise immer noch steigen, aber langsamer als zuvor.
Warum sinkt die Inflationsrate?
Die aktuelle Sinkung der Inflationsrate ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Zum einen haben sich die Energiepreise von ihren Höchstständen im Jahr 2022 erheblich erholt. Die Öl- und GaspreiseBrent-Öl: -15% im Jahresvergleich liegen deutlich unter den Spitzenwerten, die wir während der Energiekrise gesehen haben.
Zum anderen wirken sich die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) langsam auf die Wirtschaft aus. Mit einem Leitzins von 4,5%Stand: Dezember 2023 ist das Geld teurer geworden, was die Nachfrage dämpft und so den Preisdruck verringert.
Auch die Lieferkettenprobleme, die während der Pandemie für hohe Preise gesorgt hatten, haben sich weitgehend normalisiert. Containerpreise sind gefallen, und Waren aus Fernost sind wieder verfügbar, ohne dass extreme Aufschläge verlangt werden müssen.
Das Wichtigste in Kürze
- Sinkende Inflation bedeutet langsamer steigende Preise – nicht sinkende Preise
- Die Preise bleiben auf historisch hohem Niveau, da vorherige Teuerungen nicht rückgängig gemacht werden
- Lebensmittelpreise reagieren träger auf Energiepreissenkungen als andere Sektoren
- Lohn-Preis-Spirale sorgt für dauerhafte Preisniveau-Änderungen
- Realer Kaufkraftverlust von ca. 10% seit 2021 bleibt bestehen
Warum bleiben Preise hoch?
Hier liegt der Knackpunkt: Preise sind in der Regel “sticky downwards”, also nach unten träge. Was einmal teurer geworden ist, wird nur selten wieder billiger. Die hohen Energiekosten von 2022 wurden von Unternehmen in ihre Preiskalkulationen eingepreist, und diese Preise bleiben auch dann bestehen, wenn die Energie wieder günstiger wird.
Besonders deutlich wird dies bei Lebensmitteln+8,4% gegenüber Vor-Corona-Niveau. Während Rohstoffe wie Weizen oder Öl wieder günstiger geworden sind, sind die Preise im Supermarkt nicht entsprechend gefallen. Die Kosten für Verarbeitung, Transport, Lagerung und Personal sind nach wie vor erhöht.
Zudem haben viele Unternehmen ihre Margen während der Inflation geschützt oder sogar ausgeweitet. Die Gewinnmargen im Lebensmittelhandel und bei Herstellern lagen 2023 teilweise deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.
Was bedeutet das für Konsumenten?
Für Verbraucher bedeutet dies einen dauerhaften Kaufkraftverlust. Selbst wenn die Inflation auf das EZB-Ziel von 2% zurückkehrt, bleiben die Preise auf dem höheren Niveau. Das Geld, das Sie 2019 im Portemonnaie hatten, reicht heute für etwa 10% weniger Waren und Dienstleistungen.
Die sogenannte Lohn-Preis-SpiraleLohnsteigerungen 2023: durchschnittlich +7,2% trägt dazu bei, dass das neue Preisniveau dauerhaft bleibt. Denn auch die Gehälter sind gestiegen (wenngleich meist weniger als die Inflation), was die höheren Kosten für Unternehmen rechtfertigt.
Ausblick 2024/2025
Experten erwarten, dass die Inflationsrate 2024 weiter sinken wird – die Oesterreichische Nationalbank (OeNB)Prognose Dezember 2023 rechnet mit durchschnittlich 3,2% für das Jahr 2024 und 2,4% für 2025. Damit nähert man sich dem EZB-Ziel von 2%.
Doch selbst bei dieser “normalen” Inflation werden die Preise weiter steigen, nur eben langsamer. Ein realer Rückgang der Verbraucherpreise – also eine Deflation – ist unwahrscheinlich und wäre für die Wirtschaft auch nicht wünschenswert.
Für Haushalte bleibt die Botschaft: Budgetieren Sie mit den aktuellen Preisen, erwarten Sie keine nennenswerten Entlastungen durch sinkende Preise. Die Zeiten der Supermarktpreise von vor 2021 sind vorerst vorbei.